Arsen – Wasserfilter retten Leben

Hallo Welt! 

Die Zeit vergeht und ich finde kaum Gelegenheit zum Schreiben.  
Zwar haben wir oft lange Fahrten aber der Verkehr und die schlechten Straßenbedingungen lassen es nicht zu, im Minivan zu tippen. Hier ist voller Körpereinsatz gefragt, mal hüpft man unfreiwillig auf dem Sitz wenn die Straßen wieder einem Löcherteppich gleichen, bei der nächsten Vollbremsung muss man dann aber wieder aufpassen nicht die Kopfstütze des Vordermanns zu knutschen.

Wir besuchen unsere verschiedenen Partnerprojekte nacheinander und überall hat man ein tolles Programm für uns zusammen gestellt. Wir sehen viele Projekte hautnah, treffen verschiedenste Menschen und bekommen viele Hintergrundinformationen. 
In Kushtia haben wir die Organisation MSUK besucht. 

Nach Ankunft bei Herrn Dr. Munir wurden wir in dessen Gästehaus untergebracht. Hinter seinem Wohnhaus befindet sich die Produktionshalle der SONO Wasserfilter, die für das Land von großer Bedeutung sind. 

Die Menschen, die sich kein Trinkwasser in Flaschen leisten können, sind auf Brunnenwasser angewiesen. In Bangladesch ist der Boden und damit auch das Grundwasser mit Arsen belastet. Arsen schmeckt und riecht man nicht und bringt daher einen schlechenden Tod mit sich. 

Dr. Munir hat zusammen mit seinem Bruder daher die Sonofilter enrwickelt. Das Prinzip ist simpel. Oben kommt das Brunnenwasser rein, durchläuft mehrere Schichten Sand und Eisengemisch, nochmal Sandschichten im zweiten Eimer und unten kommt das gefilterte, arsenfreie Wasser wieder raus.  Das Arsen wird in dem Eisengemisch gebunden.  Die Filter werden über die Projekte ausgegeben, die Menschen die sich kein Trinkwasser leisten können, können sich eben auch keinen Filter leisten.


Gegessen wird im Privathaus von Dr. Munir. Es gibt ne ganze Reihe von Angestellten die sich rührend bemühen. Aber das ist nix für mich. Es ist für mich unangenehm, dass während des Essens jemand hinter mir steht und darauf wartet mir noch mehr Reis auf den Teller zu geben. Genauso hat abends jemand im Raum vor unserer Zimmertüren gesessen und gewartet bis er nichts mehr hörte und sicher war, dass alle schlafen…falls wir noch etwas gebraucht hätten. 
Ich hätte dem gerne gesagt „leg dich hin, Jung. Dein Tag war auch lang“. 

Am nächsten Tag starten wir und fahren in ein kleines Dorf, in dem die Menschen sehr einfach leben. Kleine Hütten, offene Kochstellen und viele Menschen auf kleinstem Raum. 
Wir werden hier herzlich empfangen, das ganze Dorf hat sich auf unseren Besuch vorbereitet. Wir bekommen Blumen zur Begrüßung. Wir dürfen hier heute in dem Kleinen Dorf eine Vorschule eröffnen.  

Vor der Hütte sitzen die Dorfbewohner auf dem Boden und wir nehmen ihnen gegenüber sitzend unsere vorbereiteten Plätze ein. Ich sehe viele neugierige Gesichter die ohne zu zögern mein Lächeln erwidern. Die Menschen tragen traditionelle Kleidung, die ein breites Farbspektrum bietet. Wenn ich Bangladesch mit nur einem Wort beschreiben sollte, dann wäre es „bunt“. Und das meine ich nicht nur in Bezug auf die Kleidung, sondern auch auf in Bezug auf die Herzlichkeit und Menschlichkeit. 


Nachdem wir uns vorgestellt haben und ein paar Sätze dazu, wie sehr wir uns freuen da zu sein, losgeworden sind,  geht es in die Vorschule. Auf diese kleine Miniansprache war ich natürlich nicht vorbereitet und bin im sprichwörtlichen kalten Wasser gelandet – mit Bauchplatscher. Eisig war es! Ich hab mir schnell auf englich 3 Sätze zusammen gestammelt die dann für die Dorfbewohner übersetzt wurden. 
Die Vorschule ist eine kleine Hütte, ausgestattet mit kleinen Bänken und Tischen. Die Kinder hier werden auf ihre Schulzeit vorbereitet.
Wir haben die Ehre den kleinen aufgeregten Kindern ihre Rucksäcke mit einigen Materialien zu übergeben. Die meisten sind zunächst schüchtern und verschämt, einzelne Kinder strahlen aber bis zu beiden Ohren, so stolz sind sie. 


Wir verbringen einen halben Tag in dem Dorf. Lernen die Frauen ais den Mikrokreditgruppen kennen und so langsam bricht das Eis. Ich habe mich von dem Fall ins kalte Wasser erholt, die Schüchternheit der Kinder ist großer Freude und Neugier gewichen und wir alle freuen uns über unsere Begegnung. 
Für den Abschluss haben die Dorfbewohner ein kleines Kulturprogramm für uns zusammen gestellt. Es wird traditionelle Musik gespielt und getanzt. Die Zuschauer sitzen wieder auf dem Boden, für uns hat man vorne Stühle bereit gestellt. 
Das war sicher nett gemeint, ich ziehe mir aber lieber die Schuhe aus und setze mich zu den Einheimischen auf die Folie, die auf dem Boden ausgelegt ist. Ich bin umzingelt von Kindern und Frauen. Die Frauen setzen ihre Kinder auf meinen Schoß und machen Fotos. Die Kinder testen vorsichtig ob sich meine weiße Haut genauso anfühlt wie ihre. 

Ich wäre gerne noch geblieben, aber wir waren mit unserem Zeitplan schon stark im Verzug und daher mussten wir los. 
Der Besuch war so schön, ich konnte mein Lächeln gar nicht mehr loslassen. Und noch eine Sache habe ich entschieden. Ich will versuchen, soweites eben möglich ist, auf diese Sonderwürste zu verzichten, die mir hier jeder bieten möchte. Ich bin hier hin gekommen um zu erfahren wie man hier lebt. Aber etwas zu sehen und etwas auszuprobieren sind Zweierlei. Mir muss keiner ein normales Klo suchen nur weil ich mal wieder zuviel Tee getrunken habe. Ich kann auch das Loch in der halboffenen Wellblechbox im Dorf benutzen. 

Manche Dinge sind aber nicht möglich. Ich glaube nicht, dass es hier jemand von den Organisatoren zulässt, dass ich mal einen ganzen Tag und eine Nacht in einem Dorf oder den Slums verbringe. Aber ich würde diese Erfahrung gerne machen um euch davon berichten zu können. 

Nach der Verabschiedung im Dorf winken uns viele Hände hinterher. Wir sollen wieder kommen, sagen uns die Menschen.  Das machen wir auch, versprechen wir, aber heute müssen wir noch weiter. Als nächstes Treffen wir Menschen die an Arsenicosis leiden…der Krankheit die durch den jahrelangen Konsum des verseuchten Trinkwassers ausgelöst wird. 
Wir fahren ins Bürogebäude von MSUK. Hierhin wurden auch die Erkrankten eingeladen. Die Männer und Frauen sitzen im ersten Raum. Ich bin leider etwas hilflos, ich kenne keinen und weiß nicht, wer wer ist und welche Funktion er hat, wer erkrankt ist und wer zum Personal gehört. Auch hier bekommen wir wieder Blumen geschenkt.  
Wir gehen erstmal durch in Raum Nummer 2 und legen ab. Die Erkrankten sollen heute den ersehnten Wasserfilter bekommen. Wenn der Konsum des Arsens eingestellt wird, können sich die Beschwerden lindern, eine Heilung ist eher ausgeschlossen. Die Krankheit wird in verschiedene Stadien eingeteilt. Im Anfangsstadium bilden dich verhornungen und dunkle Flecken auf der Haut, insbesondere an Händen und Füßen. Manchmal auch am gesamten Körper. Wenn die Haut schon offene Stellen aufweist ist das ein Indiz dafür, dass die inneren Organe betroffen sind – Stadium 2. Die Betroffenen können an dadurch verursachtem Organversagen sterben. Genau weiß man das nicht. Weiterführende Untersuchungen wie z.B. einen Ultraschall kann sich hier niemand leisten. 


Ich habe beim reinkommen gesehen, dass unsere Stühle hinter einem großen langen Tisch aufgereiht sind. Die Erkrankten sitzen als eine Art Publikum davor. Schon bevor wir raus, zurück in Raum 1 gehen merke ich vorsichtig an, dass ich die Situation unbehaglich finde. 

Ich will da jetzt nicht rausgehen und die Rolle des heiligen Samariter annehmen. Das ich ja nochtmal was dazu beigetragen habe, dass die den Filter bekommen ist erstmal egal. Ich soll jetzt jemand sein, der ich nicht bin.

Wir sollen kranken Menschen gegenüber treten, die bereit sind ihr Leid mit uns zu teilen. Und sowas macht man auf Augenhöhe, ich möchte ein Miteinander. Wir 3 der Lichtbrücke stellen uns vor die Erkrankten. Wieder werden wir gefragt ob wir etwas sagen möchten. Wolfgang und Stefan machen den Anfang und noch bevor ich auch nur einen Ton gesagt habe passiert, was passieren musste. Mir laufen die Tränen über die Wangen, wohin ich schauen soll weiß ich nicht. Ich versuche Wolfgang ein Zeichen zu geben, dass ich weine und spüre meine gebrochene Stimme mit dem ersten Laut der meinen Mund verlässt. Was ich gesagt habe weiß ich nicht mehr.  Aber das ist auch nicht schlimm, da ich mir sicher bin, dass es von Herzen kam und ich es ehrlich gemeint habe. 

Ich weiß auch nicht ob es verpönt ist in Bangladesch öffentlich zu weinen. Drauf geschissen. Ich will nicht, dass diese Menschen krank sind. Ich möchte es jetzt ändern und zwar genau jetzt und nicht später und schon gar nicht nie. Ich bin der Situation, meinen Gefühlen und den Tränen ausgeliefert.  

Aber eines kann man man auch mit einem nassen Gesicht: Lächeln! Dabei geht es nicht darum geschehenes zu revidieren oder zu kompensieren. Vielmehr geht es darum trotz aller Betroffenheit seinem Gegenüber noch Nächstenliebe, Freundlichkeit, Wertschätzung und Mitmenschlichkeit auszudrücken.  

Wir sollen essen. Ich bekomme nie im Leben etwas runter. Erst nachdem mir versprochen wurde, dass die Erkranken im Anschluss noch da sind gehe ich mit.  Ich muss ja noch mit ihnen sprechen. 
Wir beeilen uns beim Essen, ich frage ob wir mit den Erkrankten zusammen Tee trinken können. Dabei gab es wohl ein Missverständnis, die Leute waren noch da aber der Tee fehlte. 2 der bengalischen Partner wurden von uns gebeten zu übersetzen. Wir nahmen trotz aller Skepsis hinter dem großen Tisch platz, baten aber alle zu uns ran zu rücken.  Wir gingen vereinzelt mit den Menschen ins Gespräch, sie berichteten uns über ihr Leben und die Krankheit, so konnten wir kleine Portraits erstellen. 

Die Menschen haben sich gefreut uns zu berichten und wir haben uns gefreut an deren Geschichten teilhaben zu dürfen. Die Blumen, die wir bei Ankunft erhielten und mit denen wir auf der Reise eh nicht viel anfangen können, schenken wir jenen, die uns ein Stück ihrer Geschichte erzählt haben.

Wen ich kennen lernen durfte erzähle ich euch morgen. In 7 Stunden geht mein Wecker und es warten schon viele neue Erfahrungen auf mich. Ich komme nichtmal mit dem Verarbeiten der ganzen Erlebnisse nach, geschweige denn euch davon zu berichten. Seht es mir nach, dass ich mit meinen Berichten immer etwas hinterher bin.

Passt alle schön auf euch auf und seid lieb zueinander! Unsere Probleme sind Peanuts, die sind keine Aufregung wert! 
Gruß und Kuss aus dem ganz wunderbaren Bangladesch! 
Julia


4 Gedanken zu “Arsen – Wasserfilter retten Leben

  1. Hallo Julia, man, das ist ja mal ein Bericht. Und natürlich sind bei mir gleich die Alarmglocken losgegangen. Ich fragte mich, ob es in Bangaldesch den Neem- oder Niembaum gibt. Aus deren getrockneten Blättern lässt sich ein Tee herstellen, der dazu führen kann, Arsen auszuleiten. Das wäre eine günstige (kleine) Hilfe (wenn Wildwuchs). ebenso kann dieser Tee viele andere Nebenwirkungen einer Arsenvergiftung lindern. Wenn Du mal Zeit hast, gib mir doch mal ne Info, ob es solche Bäume da gibt und ich sende Dir dann mal eine Anleitung (wenn gewünscht).
    LG
    Rainer

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  2. Hallo Julia, danke erstmal für deine wunderbaren Berichte, die trotz allen gebotenen Ernstes lustig aber auch sehr ergreifend sind. Chapeau!
    Wir, meine Lebensgefährtin Doris und ich zusammen mit über 40 weiteren Gleichgesonnenen, arbeiten ehrenamtlich für die Lichtbrücke Nümbrecht, einem der Partner von Engelskirchen. Und genau das, worüber du heute berichtest, ist DAS Projekt, dessen wir uns angenommen haben.
    In den 11 Jahren unseres Bestehens haben wir Geld für knapp über 3.100 Filter gesammelt. Darauf sind wir stolz, aber bei ca. 70 Mio.Betroffenen ist es eben „nur“ der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Also heißt es für uns: weiter kämpfen und nicht nachlassen! Nun haben wir etwas ganz Großes vor, was der Lichtbrücke enorm viel Geld und damit den Armen in Bangladesch viele Filter bringen könnte. In dieses Vorhaben würden wir dich gerne nach deiner Rückkehr einbinden. Hättest du dazu Lust?
    Wir wünschen dir und deinen Begleitern Stefan und Wolfgang viel Energie für den weiteren Verlauf eurer Reise, bleibt gesund und motiviert und kehrt wohlbehalten zurück. Gott schütze euch!

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  3. Hallo Julia, bin gerade auf deine Berichte gestoßen. Und ja, ich weiß genau, wie du dich in Bangladesch fühlst. Deshalb hab ich mich auch besonders gefreut, WIE du auf die Sonderbehandlung reagierst…. es gibt in diesem kleinen Land, das gerade mal doppelt so groß wie Bayern ist weit über 2000 Hilfsorganisationen, die meisten bestimmt mit den besten Absichten. Aber viele Besucher kommen, schauen sich das ‚Elend‘ an, verteilen Goodies und gehen dann wieder. Bei dir spüre ich den Willen, mehr von diesen Menschen zu erfahren. Und das ist genau die richtige, wie ich finde einzig richtige Einstellung. Klar, vieles in Bangladesch kommt uns unglaublich rückständig, unsinnig oder sogar gefährlich vor. Aber ich hab in all den Jahren gelernt, dass manche Herangehensweisen vielleicht sogar pragmatischer und effektiver sind als manches, dass wir in Deutschland machen.
    Noch eine Frage zu den Filtern: Ich betreue unter anderem ein Projekt in einem kleinen Dorf auf einer Schwemmlandinsel im Norden von Bangladesch. Dort haben die Leute vor allem mit eisenhaltigem Wasser zu kämpfen – auch dort würde ein einfacher Wasserfilter helfen, mit leicht anderem Inhalt als die Arsenfilter. Könntest du mir die Adresse des Filterbauers geben? Vielleicht können wir mit unseren geplanten Filter von seiner Erfahrung profitieren. Email: info@yvonnekoch.de
    Bist du im Moment noch in Bangladesch? Falls du bis zum 26sten Januar nochmal nach Dhaka kommst, ich würd mich gern mit dir treffen…auf einen Kaffee vielleicht? Valo theko und mach weiter so!

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