Buenos dias

Ich grüße euch ganz herzlich aus Orio. Wo das ist? Haha, ich habs auch gerade nochmal nachgeschaut. Ein kleines spanisches Dörfchen im Baskenland. Was ich hier mache? Ich esse Toblerone Eis und sitze am Fluss. In der Abendsonne. Ganz mutig, mit Fruchtsäurecreme im Gesicht aber ohne Sonnenschutz. Ich brauche eben diesen gewissen Kick im Leben. 

Aber nun von vorne. Am 19.10.17 hatte ich meinen letzten Arbeitstag.  Jetzt verbrate ich meinen Resturlaub und ab Dezember bin ich arbeitslos bis ich im Januar für längere Zeit ins Ausland gehe. Aber dazu zu gegebener Zeit mehr. Ich hatte 21 Tage lang jeden Tag eine andere Idee wie ich Urlaub machen könnte. Die Idee vom Jakobsweg hat sich dann am hartnäckigsten gehalten und so bin ich dann am 29.10.17 nach Bilbao geflogen.  Ich wollte nicht diesen Camino Frances (oder wie der heißt) gehen, sondern den Küstenweg…weil der, wie der Name schon sagt, eben an der Küste entlang verläuft. Ist ja schön, so am Meer, dachte ich mir. 

Der Tag der Anreise war auch ganz gut. Papa hat mich zum Flughafen Düsseldorf gebracht und dann ging es am 12.10 Uhr für mich nach Bilbao. Ich hatte mir vorab einen Fensterplatz reserviert. Die letzten Jahre hatte ich nur Fernflüge die am Abend gingen, wenn es schon dunkel war. Also wollte ich mir das alles nochmal angucken…vom Logenplatz aus…direkt am Fenster. 

Schon als ich meine Sitzreihe erblickte, ich lasse gerne alle anderen vor mir einsteigen, damit sie sich ohne mich um den Stauraum für Handgepäck prügeln können, wusste ich, dass der Mann auf dem Platz neben meinem, gesprächig ist. Er schaut mich an als hätte er nur auf jemanden, eben auf mich, gewartet, um loszulegen. Wo welches Kind studiert und was er in seinem Leben so gesehen hat, hab ich sicherheitshalber nur im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert. Meine Kapazität ist bestimmt auch begrenzt und ich werd ja auch nicht jünger. Also, sicher ist sicher. 

Vom Flughafen Bilbao aus ging es dann mit dem Bus weiter nach San Sebastian. Dort einmal quer durch die Stadt und man erreicht den Bahnhof. Und dann ging es nochmal 40 Minuten mit dem Zug weiter nach Irun. Irun sollte der Startpunkt meiner langen Wanderreise sein. Ich hatte mir vorab ein Zimmer gebucht. Die Kakerlake oder Spinne (hab mich nicht getraut näher hinzusehen) die unter dem Tisch saß war allerdings nicht vereinbart. 

Am nächsten morgen ging es dann auch gleich los. Mega motiviert stand ich um 7 Uhr (morgens!!!) vor der Hosteltür und wollte los. Mir ist vermutlich alles aus dem Gesicht gefallen als ich diesen Regen sah. Es ist ja nicht so, dass ich den nicht einkalkuliert hätte, aber für den ersten Tag halt eben nicht. Also Rucksack nochmal runter, Regenponcho raus und drüber gezogen. Der Regenponcho ist für mich und meinen Rucksack und schon beim anziehen musste ich um Hilfe bitten. Und dann bin ich losmarschiert, morgens um zehn nach sieben…Richtung Santiago de Compostela. Kann ja nicht so schwer sein…850km…ist ja ein Witz! 

Ich wusste, dass es das erste Stück in sich haben soll. Asphalt hab ich keinen gesehen und auf solche Geröllbrockenwege war ich auch nicht eingestellt. Aber was solls…immer weiter, immer den gelben Pfeilen nach. Das klappt wirklich super. Verlaufen ist fast gar nicht möglich, die gelben Pilgerpfeile sind wirklich überall. Im Boden als Steine, an Leitplanken, an Bäumen auf Zäunen…und immer gelb. Super easy! Zugegebenermaßen war ich schnell an dem Punkt, an dem ich mich schon gefragt hab was diese Wanderung denn eigentlich soll. Nass bis auf die Knochen, ne Mischung aus Regen, Schweiß und Matsch. Das war eines der größten Probleme, im Matsch nicht längs auf die Nase zu fallen. 

Der erste Ort den ich erreichte, nachdem ich stundenlang im Wald nur Schafe und Kühe gesehen habe, war Pasaia. Da waren dann auch wieder Menschen. An allen Ecken wünschen sie mir  „buen camino“. Also einen guten Weg nach Santiago. 

Unterwegs gibt es immer wieder Pilgerherberge. Die aber zu einem nicht unerheblichen Teil im Winter geschlossen haben. In Pasaia gab es keine Möglichkeit zu schlafen also musste ich weiter Richtung San Sebastian. Auf dem Stück hat der Regen nachgelassen und ich hab zum ersten Mal das Meer gesehen. Ich glaub, das hatte ich noch nie in meinem Leben das ich gleichzeitig den Wald und das Meer rieche. Das ist toll. Ich bin jetzt Fan vom Baskenland. 

Die erste Unterkunft hab ich genommen. Mehr als 20km, größtenteils mit Regen mit auf und ab bis zu 300 Höhenmetern Unterschied. Ich erreichte eine privat geführte Herberge. Neben mir waren auch noch Franzosen da. Ich wurde freundlich aufgenommen. Bekam, was ich brauchte aber dennoch, hatte das ganze eine seltsame Athmosphäre.  Ich wusste nicht wie die Leute, die in dem Haus leben, im Verhältnis zueinander stehen. Abends haben die Franzosen mich außerhalb des Hauses auf einer Bank auf eine Dose Bier eingeladen. Als jemand der Heimbewohner raus kam, versteckten alle ihre Dosen und beuteten mir es ihnem gleich zu tun. Ich hab denen dann erklärt, dass ich mich mit fast 32 Jahren sicher nicht zum Bier trinken verstecken muss. Aber auch die Franzosen hatten ein unbehagliches Gefühl. Die Hausbewohner, von der Oma bis zum Kleinkind waren alle so Öko Hippies. Und im ganzen Haus roch es nach Ökoessen. Was an sich ja ne gute Sache ist, aber die sprachen auch alle von ihrer Community. Eine Dame hatte mir auch erklärt, dass sie nur an die Liebe glauben, auch an die Bibel aber nur ein bisschen. Ich habs nicht ganz verstanden. Jedenfalls ist diese Community eine Gemeinschaft in der jeder aufgenommen werden kann, egal ob arm oder reich, hell oder dunkel, etc. und in der Alles Allen gehört.  Sowohl das Vermögen das ein neues Mitglied mitbringt, als auch Schulden. Naja, jedem das Seine. Die Kinder gehen nicht zur Schule sondern werden zuhause unterrichtet. Diese Community gibts wohl in mehreren Ländern. Aber mal ehrlich…die Leute haben ja keinerlei Bezug zur Realität. Die backen ihre Dinkelkekse, arbeiten im Garten, gehen jeweils morgens und abends um 7 zusammen singen und tanzen und die restliche Welt geht an denen vorbei. Keine Medien, kein nichts. Die Lebem wie in einer Blase. Die Franzosen waren sich auch sicher, dass es eine Sekte ist. Zumal sie nicht wollten, dass wir in die Stadt gehen- wenn wir da sind sollen wir bitte an der Gemeinschaft teilhaben. Ich bin dennoch nicht mit zum abendlichen Sing und Tanz „Gottesdienst“gegangen. Dafür wurde ich mit reichlich Infomaterial ausgestattet wie ich der Community beitreten kann. Wir sind dann alle am nächsten Morgen abgereist. 

Ich bin weiter nach San Sebastian gewandert und hab die wirklich schöne Stadt besichtigt. Alles ganz wunderbar, die ganze Stadt hat einen romantischen Charme. 

Heute wollte ich nach Zumaia wandern. Aber seit der halben Wegstrecke hab ich sehr starke Schmerzen im Knie. Ich bin den berg kaum noch runter gekommen. Deshalb hab ich die Tagesetappe in Orio abgebrochen, was eigentlich nur als zu durchlaufender Ort gedacht war. Und so bin ich hier hin gekommen. Ich bin frustriert, weil das Knie immer noch weh tut und ich morgen wohl auch nicht wandern kann. Aber hier ist es mir zu klein. Ich bin alleine und das ist ok. Das bin ich gerne. Aber in diesem kleinen Örtchen wo es nichts zu entdecken gibt und die Leute sich untereinander kennen, da laufe ich Gefahr einsam zu werden. Und das ist ein ganz großer Unterschied. 

Ich werde wohl den Bus nehmen, wohin der Wind mich morgen trägt, das sehe ich morgen. 

Das Toblerone Eis ist natürlich längst aufgegessen, ihr ward auch schon mit mir Abendessen und seid mit mir zurück ins Hostel gegangen….ääähm gehumpelt. 

Schöne Träume und bis bald

Euer Humpelstilzchen Julia 


3 Gedanken zu “Buenos dias

  1. Naaaaaaaaaaa endlich schreibst du.
    Sehnsüchtig darauf gewartet. 😉
    mach dir keinen Kopf wegen dem Knie, gib ihm etwas Zeit, denn er ist es nicht gewohnt so belastet zu werden. Er kennt nur die Stufen der Ergo und vom Treppenhaus deiner Wohnung. 🙂
    Wünsche dir noch viele wundervolle Momente.

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